

Historisch Interessierten ist der Schweizer Diplomat Carl Lutz ein Begriff. Er rettete tausende ungarischer Juden in Ungarn während des 2. Weltkrieges. Ein anderer international bekannter Diplomat, der ebenfalls sehr viele jüdische Menschen vor dem Tod rettete, war der Schwede Raoul Wallenberg, der aus Russlands Gefängnissen nie in seine Heimat zurückkehrte.
Von Harald Feller hatte ich noch nie etwas gehört. Am 23. Oktober 2025 veranstaltete das Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich einen Anlass zu Harald Feller anlässlich der französischsprachigen Neuerscheinung eines Werks des Historikers François Wisard und deren Uebersetzung in die deutsche Sprache unter dem Titel "Harald Feller, Retter von Verfolgten, Gefangener von Stalin". Die Leiterin Dokumentationsstelle Jüdische Zeitgeschichte, Sabina Bossert, führte das Gespräch mit Eva Koralnik-Rottenberg dazu. Diese schilderte als direkt betroffenes Mitglied der Familie Rottenberg die politische Entwicklung in Ungarn im Jahre 1944 und den persönlichen Einsatz des jungen Diplomaten Feller zur Rettung ihrer Familie. Der Autor las wichtige Stellen aus seinem Werk vor.
Zu meiner Verwunderung vernahm ich, dass die Juden in Budapest bis im Jahr 1944 vergleichsweise frei lebten, auch wenn im Laufe der Zeit antijüdische Gesetze durch das Horthy-Regime in Kraft traten. Die Umsetzung erfolgte offenbar nicht systematisch. Im März 1944 marschierten deutsche Truppen in Budapest ein. Mit dem späteren Machtantritt des Chefs der ungarischen Pfeilkreuzler, einer nationalsozialistischen Partei, änderte sich die Situation für die Juden dramatisch. Von da an mussten sie den gelben Stern tragen und Deportationen von Juden in die deutschen KZs begannen.
Das Mittel, jüdische Schweizerbürger und auch Doppelbürger, die in Ungarn Wohnsitz haben, zu schützen, waren sog. Schutzbriefe, deren Voraussetzung das Visum der Zuständigen in der Schweiz und deren Anerkennung durch die ungarischen und deutschen Stellen, waren. Dadurch erlangten die Schweizer Bürger in Ungarn grundsätzlich das Recht, repatriiert zu werden. Die Durchsetzung dieser Rechte war mit Ueberzeugungsarbeit verbunden. Eines Tages wurde auch eine harte Kontrolle durchgeführt, unter Anwesenheit der Mitarbeiter der Gesandtschaft, die dann ergab, dass auch nicht Berechtigte Schutzbriefe erlangt hatten, was zu harten und traurigen Entscheiden seitens der Gesandtschaft führten.
Harald Feller organisierte die Repatriierung und überzeugte schweizerische, ungarische und vor allem deutsche Behörden, dass auch jüdische Schweizerinnen, die durch Heirat Ungarinnen geworden sind, repatriiert werden konnten. Dazu gehörten auch Berta Rottenberg und ihre Kinder Eva und Vera. Zu jener Zeit war es Schweizerinnen, die einen ausländischen Mann geheiratet hatten, unmöglich, ihr Schweizer Bürgerrecht zu behalten. Feller unterzeichnete seitens der schweizerischen Gesandtschaft ein Dokument als Protest gegen die Zwangsmärsche, so wie es auch die Gesandten von Schweden und des Vatikans taten.Er organisierte auch einen Konvoi von Kindern in die Schweiz.
Mit Ungarn wurden von den neutralen Staaten Quoten an Schutzdokumenten für ungarische Juden ausgehandelt. Den Neutralen wurden Schutzhäuser zugeteilt, in welchen diese Zuflucht fanden. Es ging dabei im Falle der Schweiz insbesondere um die Ausstellung von Schutzbriefen für die Reise nach Palästina. Carl Lutz hat da Grosses geleistet.
Die Situation in Ungarn verschärfte sich vermutlich angesichts dessen, dass der Sieg der russischen Trupen nahe schien. Inzwischen hatte Feller auch gefährdete Nichtschweizer, einen Schriftsteller, einen Vertreter der schwedischen Gesandtschaft und andere in seiner Privatwohnung versteckt. Er kam für sie persönlich auf. Auch in der Gesandtschaft selber gewährte Feller verschiedenen Personen Asyl.
Inzwischen leitete Feller die Gesandtschaft, besuchte unter Bombenhagel seine Mitarbeitenden, die sich an verschiedenen Standorten der Gesandtschaft befanden. Auf einer dieser Fahrten wurde Feller von Pfeilkreuzler gefangen genommen, verhaftet und misshandelt.
Später wurde er durch Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes entführt, wie bereits Max Meier, ein anderer Mitarbeiter der Gesandtschaft. Die Russen argumentierten, sie könnten sich nicht für die Schweizer einsetzen angesichts dessen, dass die Schweiz keine diplomatischen Beziehungen zu der UdSSR aufgenommen habe.
Die Bemühungen, die die Schweiz zur Rückkehr und Rettung Fellers und Meiers unternahm, wurden erschwert durch die Verleumdungen Fellers durch ehemalige Mitarbeitende der Gesandtschaft, einen Mitarbeiter der Bundesverwaltung und Journalisten. Sie unterstellten ihm Kontakte zu Pfeilkreuzlern.
Nach einem Jahr in russischen Gefängnissen wurde Feller gegen die Auslieferung von in der Schweiz inhaftierten Russen, auch solcher, die sich grundsätzlich weigerten, die Schweiz zu verlassen, freigelassen. Die Verleumdungen von Feller zeigen ein düsteres Kapitel genauso wie das Verfahren, dem Feller nach seiner Rückkehr in die Schweiz bis zu seinem Freispruch ausgesetzt war.
Die Familie Rottenberg hat nach der Heimkehr Kontakt mit Harald Feller aufgenommen und sich bei ihm mit Worten und mit Taten bedankt. Eva Koralnik legte Zeugnis für Harald Feller ab und erreichte, dass Harald Feller, wie andere Schweizer vor und nach ihm, die Medaille des Gerechten durch Vad Vashem verliehen wurde.